"Singen und die Gemeinschaft verleihen schließlich Flügel" -
Männergesangverein 1884 und Chor New Inspiration ziehen singend durch die Straßen


Inge Müller WOLFERBORN. Der freundliche Tankwart am Ortseingang weiß sofort Bescheid: "Die Sänger, die treffen sich am Kaspersberg, direkt vor dem Feuerwehrgerätehaus." Erst zum dritten Mal findet das gemeinsame Adventssingen des Männergesangvereins 1884 Wolferborn und des ihm zugehörigen Chores New Inspiration statt - und schon ist aus dem Zug durch die Straßen eine echte Tradition geworden, die kein Wolferborner mehr missen möchte. Längst nicht alle können den Weg zum Dorfgemeinschaftshaus mehr auf sich nehmen, wo nach eineinhalb Stunden Fußmarsch die Weihnachtsfeier mit Weihnachtsmarkt stattfindet. Aber bis zu den fünf Stationen im Ort haben es auch die Älteren und Gehbehinderten nicht weit. Und so zündet man eine Kerze an und setzt sich erwartungsvoll hinters Fenster, reicht den Sängern am Hoftor heißen Apfelwein, Punsch oder Glühwein oder kommt gleich zum Ansingen auf den besagten Kaspersberg.
Die jüngsten Fans sitzen warm verpackt im Kinderwagen, die ältesten stützen sich auf Stock oder Rollator - die Augen leuchten bei allen gleichermaßen, ob Jung oder Alt. "Möchten Sie einen heißen Eierlikör?" Maximilian Schicker betreut gemeinsam mit seinen beiden kleinen "Assistenten" Merlin (4) und Maya Kehm (2) den festlich geschmückten Leiterwagen samt Bäumchen. Natürlich helfen die Erwachsenen mit, aber der Elfjährige kommt auch bestens allein zurecht. "Ich bin zum zweiten Mal dabei und es macht riesigen Spaß", erzählt er bereitwillig und schraubt die Thermoskanne auf. "Ganz schön kalt ist es dieses Jahr, aber ich bin warm angezogen und dann ist´s schon ok." Ob er die Lieder der Sänger mag und vielleicht einmal selbst mitmachen möchte? "Na ja, ich warte mal ab, bis ich groß bin", meint der eifrige Helfer diplomatisch und überreicht das gut gefüllt Likörgläschen.

Sein Gefährt ist übrigens nicht der einzige Wagen im Zug. Zwei prächtige Gespanne vom Haflingerhof Strieder stehen für fußlahme Sänger und müde Zugbegleiter bereit. Doch Gisela Erdmann, die zu denjenigen gehört, für die dieser liebevolle Service gedacht ist, denkt gar nicht daran, gleich einzusteigen. "Ich bin eine Kämpfernatur", meint die Frau mit dem warmen Lächeln munter und stützt sich dabei kaum merklich auf ihre Krücken. Vor zwei Jahren wurde sie von einem Fahranfänger angefahren und dabei schwer verletzt. "Ich gehe trotzdem erst einmal zu Fuß, so weit wie ich komme. Schließlich verleihen ja auch das Singen und die Gemeinschaft Flügel!"
Mit dieser Meinung steht Gisela Erdmann nicht alleine da. Seit der Gründung des Chores New Inspiration im Jahr 2004 zieht es Sänger und Sängerinnen von nah und fern nach Wolferborn. Das breite internationale Repertoire kommt auch bei den Jüngeren bestens an. Mit "Sunny light of Bethlehem" und "Hell vom Turm" lässt Dirigent Michael Habermann, angetan mit Nikolausmütze samt weißen Zöpfchen, seinen Chor sich einsingen. Schon beim zweiten Lied sind die Stimmen voll da, wird die Begeisterung spürbar. "Wir singen total gerne mit in diesem jungen Chor - wobei mit jung ja nicht immer die Jahre gemeint sind, sondern vor allem das Herz", meinen Ruth Matzke, Claudia Naumann und Andrea Faust. Die drei Sängerinnen haben sich mit professionellen Stirnlampen ausgerüstet, denn nicht alle Wegstrecken in dem langgestreckten Ort sind gleich gut beleuchtet, das weiß man aus Erfahrung. New Inspiration lebt vom engagierten Mittun der Sänger und von den qualitativen Ansprüchen des Dirigenten. "Leicht macht er es uns nicht immer, aber wir wollen ja gefordert werden", schmunzeln die drei Sängerinnen.
Mittlerweile hat der Männergesangverein Aufstellung genommen. "Jeder Chor singt an jeder Station zwei Lieder", erläutert der Vorsitzende Heinz Muth, der sich sein Amt mit Helmut Roth teilt. Letzterer begrüßt soeben die Zuhörer. "Es ist ein Ros´ entsprungen" und "Oh Tannenbaum" erklingen. Nein, nicht etwa der Alle-Jahr-wieder-Tannenbaum, sondern ein unbekannteres Lied: "Oh Tannenbaum, du trägst ein´ grünen Zweig" - denn auch Männerchorleiter Wolfgang Häfner achtet auf Qualität und Breite seines Repertoires. Der lebhafte Applaus der Umstehenden wird durch die dicken Handschuhe gedämpft.


Und sogar eine Premiere steht beim diesjährigen Umzug auf dem Programm: Erstmals singen New Inspiration und der Stammchor gemeinsam. Ein schönes Bild, bei dem von Nachwuchsmangel oder Desinteresse am Gesang wahrlich nichts zu spüren ist. "Unsere jüngsten Sänger sind unter 20, die ältesten über 80", erläutert Heinz Muth. Im Hintergrund macht sich Erhard Schlögel, von allen nur liebevoll "Opa Erhard" genannt, mit ein paar kräftigen Armschwüngen warm. "2008 bin ich 56 Jahre als aktiver Sänger dabei", berichtet er stolz. "Jawohl", bekräftigen die Umstehenden einträchtig. "Und er reißt uns immer noch alle mit!" Wer den kleinen Warm-up beobachtet hat, glaubt es auf Anhieb.
Los geht es Richtung Ortsmitte, lachend, plaudernd und auch im Gehen mit einem Lied auf den Lippen. Man freut sich jetzt schon auf die Stände der Sängerfrauen mit Weihnachtsschmuck und leckeren Spezialitäten im Dorfgemeinschaftshaus. Der Erlös des Weihnachtsmarktes kommt über die Diakoniestation einem Hilfsprojekt in Petersdorf (Rumänien) zugute.

Quelle: Kreis-Anzeiger vom 24. Dezember 2007