KONZERT Standing Ovations für Chöre des MGV Wolferborn in der Willi-Zinnkann-Halle

Bericht im Kreis-Ahzeiger am 13. Mai 2017

BÜDINGEN - (mü). Der Jäger ging nicht „längs dem Weiher“, wie es in dem bekannten Scherzlied aus dem 19. Jahrhundert heißt – er kam vielmehr durch den Mittelgang der Willi-Zinnkann-Halle, legte unter fröhlichem Chorgesang mit seinem hölzernen Gewehr auf den hölzernen Dekorationshirsch an – überlegte es sich dann anders und verfügte sich samt Beute an die Theke. Und das war es dann auch schon mit dem traditionellem Liedgut rund um Wein, Weib und die Jagd an diesem bemerkenswerten Konzertabend.


Vor ausverkauftem Haus lieferten die Chöre New Inspiration, Young Vocals und New Inspiration Kids (NIK) aus Wolferborn unter dem Motto „Zu 99 Prozent Deutsch“ ein vielseitiges Gesangserlebnis der Extraklasse ab, das am Ende mit Standing Ovations endete. Die drei Sängerformationen gehören unter das Dach des Männergesangvereins 1884 Wolferborn, sie präsentierten sich an diesem Abend unter der Gesamtleitung von Patrick Schauermann, der erkennbar auch den Solisten und Untergruppen breiten Raum für ihre Performances gewährte, so für ein herausragendes Solo mit „Someone Like You“ (Adele) und der anrührenden Darbietung von „Mein Kind“ (Peter Maffay) am Piano. Ein Jahr voller Proben waren dem Projekt „99 Prozent Deutsch“ vorausgegangen – die Begeisterung und die Freude am Ergebnis waren Jung und Alt auf der Bühne und im Saal durchgängig anzumerken. Für das liebevoll zubereitete Büffet sorgten – unter anderem mit Fingerfood und Maibowle – die Wolferborner Landfrauen.
Den Auftakt inszenierten die New Inspiration Kids unter Andrea Faust mit den Nena-Songs „99 Luftballons“ und „Wunder gescheh‘n“. Zuvor überreichtes sie Büdingens Bürgermeister Erich Spamer einen Luftballon und stiegen dann mit zarten, aber sehr präzise agierenden Kinderstimmen in die zwei Welthits ein, sensibel unterstützt von der vielseitigen Begleitband mit Christian Kling am E-Piano, Thomas „Charly“ Appel am Keyboard und Alex Wenz am Schlagzeug.
Mit den beiden Wise-Guys-Liedern „Meine heiße Liebe“, dem Morgenkaffee gewidmet, und „Hey, Baby, wie wär’s mal mit ’nem Bass“ stiegen anschließend New Inspiration ein und verdeutlichten, dass auch die mitreißende Entwicklung des modernen deutschen Chorgesangs ein Thema des Konzertes darstellte. „Tanze Samba mit mir“ (Tony Holiday/Rex Gildo) eröffnete die Abteilung „Schlager“, die „Perfekte Welle“, Debütsingle der Band Juli aus Gießen, zeugte von großen Erfolgen aus der Region, Übersetzungen beliebter Abba-Hits weiteten den Blick in Richtung Grand Prix und Eurovision Song-Contest. Für erfrischende Kontraste sorgte die Mundart-Fraktion der New Inspiration mit dem Lied „Schnitzel und Rippche‘“ und dem festen Vorsatz, sich auch im Ausland nicht von den Köstlichkeiten der Lokalküche abbringen zu lassen.
Die Young Vocals, deren Wurzeln bei den New Inspiration Kids liegen und die ihr eigenes Projekt unter Patrick Schauermann erst im Februar begonnen haben, schwenkten kurzzeitig ins Englische über: Der „4 Chords Song“ (The Axis of Awesome), zusammengesetzt aus insgesamt 30 Samplern diverser Chartbreaker, wurde von dem jungen Chor mit erstaunlicher Souveränität gemeistert und von zwei Gitarristen aus den eigenen Reihen unterstützt. Robbie Williams‘ „Angels“ mussten nach Szenenapplaus gleich zweimal gegeben werden und mit „Hungriges Herz“ von M.I.A. blieb auch die junge Formation dem Konzertmotto treu. Nach den Sommerferien werde es auf jeden Fall mit den Proben weitergehen, kündigte Chorleiter Patrick Schauermann an.


Nach der Hommage an die englische Songtradition bog man in den fulminanten zweiten Teil des Konzertes und nach Udo Lindenberg („Hinterm Horizont“), Klaus Lage („Zoom“), Rio Reiser („König von Deutschland“) und Udo Jürgens („Ich war noch niemals in New York“) auf die Zielgerade ein. Dabei nahmen die stilechten Kostümierungen der Sänger schrittweise zu –vom Lindenberg-Hut über die Reiser-Krone bis zur Stadion-Ausrüstung bei „Ein Hoch auf uns“ (Andreas Bourani). Bunte Texttupfer von Goethe über Eugen Roth bis Heinz Erhardt, von Mundart bis Klassik sorgten für zusätzliche Abwechslung in einem durchweg vor Vitalität und Lebensfreude strotzenden Konzert, das mit den vorwitzigen Gedanken zum Thema männliche Intimrasur von „Eure Mütter“ seinem heiteren Höhepunkt und Abschluss zustrebte. Ein Abba-Medley, das unvergessliche „Thank You For The Music“, „Tage wie diese“ von den Toten Hosen und „We Are The World“ vereinten noch einmal alle Sänger und Musiker des Abends auf der Bühne. Gemeinsam holte man sich den verdienten Beifall für ein Konzert ab, das in seiner Zusammenstellung so bunt und vielfältig wie die Ballondeko an der Bühnenrampe daherkam und depressive Gedanken über ein etwaiges Sterben der hiesigen Chorlandschaft Lügen strafte.